Ein Intergalaktisches Requiem für eine ephemere[1] Spezies

, die bis zum letzten Gekeuche sich treu blieb.

Präludium [2]

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie kursieren nun in der – immer substanzloser, immer virtueller werdenden – Weltöffentlichkeit eine relativ kleine Anzahl von Diskussionsgängen, die sich teils mit kataklystisch-[3] apokalyptischen Weltuntergangsprophezeiungen, teils mit fortschritts-, wissenschafts- und zukunftsgläubiger Frömmigkeit mit der Frage befassen, was während und vor Allem nach der Corona-Pandemie mit der Welt, mit der menschlichen Gesellschaft und mit dem Menschen überhaupt geschehen werde.

Eine Subspezies des coolen selbstsicheren Naturwissenschaftlertypus, die nicht selten in Gestalt eines Professors oder zumindest eines medizinischen Fachmannes erscheint und in langsam und verständlich artikulierten Worten die Wahrheit über die Corona kundtut, verdient in dieser Wirrnis besondere Erwähnung. Er weist darauf hin, dass es in der Wissenschaft nicht um die sogenannten Toten, sondern lediglich um die wissenschaftlich verifizierten Daten geht. Er erläutert überzeugend, dass die unzähligen teilweise vertikal gestapelten oder einfach herrenlos umher oder aufeinanderliegenden Leichen den objektiven Blick des genuinen Wissenschaftlers nicht zu trüben vermag, dass nämlich die aus validierten Untersuchungsergebnissen stammenden evidenz-basierten Daten die in der seriösen Forschung nicht ganz unbekannte Annahme, dass, wer früher stirbt, länger tot ist, nun endgültig bewiesen und bestätigt haben. Indem er die daraus resultierende – und in der Tat auf der Hand liegende – Konsequenz, dass damit der zurzeit weltweit tobenden Corona-Panikmache auch der letzte Boden entzogen worden ist, energisch pointiert, fordert er die Regierung dazu, der zivilisationsfeindlichen, defätistischen Unkerei nun ein für allemal ein Ende zu setzen, und endlich wieder Vernunft zu Wort kommen zu lassen.

Ein Gegengewicht bildet zu dem Typus des datenzählenden Fachwissenschaftlers die Kategorie des leichenzählenden Laien, der den ganzen Komplex aus einer nationalsportlichen Perspektive – der einzigen, die er kennt – angeht. Die Art des Wettkampfes mitsamt den von den Konkurrenten angewandten Techniken und Kunstgriffen kann zwar ungewöhnlich anmuten, aber die Sprache der Anhängerschaft ist die gleiche altbekannte Sprache: die ungehobelten, großmäuligen Amerikaner, denen endlich mal vergolten wird, was sie längst verdient haben; die unfähigen Italiener, die keine Hygiene kennen, die maurisch-jüdisch kontaminierten gesetzesuntreuen Spanier usw. Wer am Ende, trotz aller unsportlichen List und Gerissenheit der gegnerischen Parteien, mit der Weltmeisterkrone der Corona-Pandemie gekrönt werden wird, weiß jeder. Denn „der Deutsche ist erwählt von dem Weltgeist, während des Zeitkampfs an dem ewigen Bau der Menschenbildung zu arbeiten.“

Auch der intellektuelle Menschenfreund, der Gläubiger einer von etwa 4227 Religionen, der Marxist, der an das grundsätzlich Gute im Menschen und an den Sieg des Kommunismus glaubt, darf nicht vergessen werden. Er stellt im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie fest, dass „diese Welt danach nicht mehr die Gleiche sein wird“, dass, „dies eine Zäsur für die Menschheit ist“, dass „eine andere Welt morgen entstehen wird“ usw. Von den linken Foren und Zeitschriften bis zu Magazin- und Diskussionsprogrammen im Fernsehen werden überall von den Vertretern der Soziologie, Philosophie und anderer sozial- und geisteswissenschaftlichen Gewerbe „eine große, chancenreiche Wende für die menschliche Zivilisation“‚ gar „das Ende des Kapitalismus“, „das Aufkommen einer ganz anderen, auf gegenseitiger Liebe und Unterstützung fußenden Gesellschaftsformation“ etc. prophezeit.

Jede irdische Kreatur, die der Verdammnis nicht entrinnen konnte, mit der Spezies Mensch Bekanntschaft machen zu müssen, würde sich in verdutzter Reflexartigkeit die zweifellos legitime Frage stellen, warum der moderne Mensch, der Herr auf Erden, angesichts der steigenden Zahlen von Toten plötzlich einen solchen Höllenspektakel an den Tag lege. So etwas ist nämlich extrem untypisch für den Menschen, sind es doch gerade die Bedingungen, unter denen der Mensch am besten zu florieren neigt. Die Antwort auf diese Frage würde aber ebenfalls sofort einleuchten. Erstens befinden sich der de-facto Mittelpunkt und die Brutstätte des großen Todes diesmal nicht in Afrika, Nah-Osten, Asien, Südamerika, Ozeanien, sondern unmittelbar in den Hochburgen der Zivilisation, in den Herrenländern, in denen die Herrenmenschen zu Hause sind. Zweitens sind auch die mächtigsten, die über alles, was die Zivilisation des Homo Sapiens anzubieten hat, uneingeschränkt verfügen, die Diktatoren, Großkapitalisten, Potentaten, Magnaten, Staatsmänner und -frauen, Bonzen, Großzelebritäten und die privilegierten Bürger der Herrscherstaaten gegen den Corona-Tod nicht gefeit.

Man muss es ihm en passant anerkennen: der Virus tut sein Virenmöglichstes, um in seinem Seins- und Operationsmodus absolute Gerechtigkeit walten zu lassen. Er ist im diametralen Gegensatz zu seinem Planetenmitbewohner Mensch vorurteilsfrei. Er diskriminiert nicht, weder negativ noch positiv. Dass es trotzdem vor allem diejenigen üblichen Verdammten – die Schwachen, die Sklaven und ihre Nachkommen, die Frauen und ihre schutzlosen Töchter, die Verarmten, die Gebrechlichen, die Minderheiten, die Plebejer, die Pfahlbürger und dergleichen – sind, die dran glauben müssen, hat nichts mit dem Virus selbst, sondern ausschließlich mit der grundsätzlichen Ungerechtigkeit des humanen Existenz-, Organisations- und Handlungsmodus zu tun.

Auf die oben geschilderte medial ausgetragene Kontroverse zurückkommend, muss auf den Umstand hingewiesen werden, dass es keinen praktischen Sinn hat, diesen Pfad weiter zu verfolgen, weil der moderne Mensch dazu nicht in der Lage ist, mit Fragen und Inhalten dieser Art umzugehen.

Es gibt sicherlich ein paar Dinge, zu denen die Spezies fähig ist. Sie kann sich z.B. in den Pausen, d.h., wenn sie mal nicht ihrer Hauptbeschäftigung – Lebensvernichtung – nachgeht, an Internet, Fernsehen, Sport, Familie & Freund, Kino, Literatur, Musik, Malerei, Heimphilosophieren, Heimwerken und vergleichbaren feinen Sachen amüsieren und entspannen. Und die richtig guten oder privilegierten Exemplare vermögen sich darüber hinaus in sich hinein zu begeben, um dort nach den Ursprüngen, Urgeheimnissen und Urgründen von Allem, was ist und nicht ist, und darin vor allem nach den Wesensmerkmalen der eigenen singulären Pracht und Erhabenheit zu suchen.

Das ist mehr oder weniger alles, wozu der moderne Herrenmensch fähig ist.

Um aber Sachverhalte wie die aktuelle Corona-Pandemie oder die Welt-danach theoretisch angehen und prozessieren zu können, muss die theoretisierende / prozessierende Instanz etwas qualitativ Anderes sein als Mensch.

Antizipation des Dagewesenen

Eine intelligente Entität aus der Galaxie IC 1101, die auf einer seiner routinemäßigen intergalaktischen Reisen einem überdimensionalen magnetischen Sturm ausweichen und statt der durch die Andromeda Galaxie führenden geplanten Route einen Umweg durch die benachbarte Milchstraße nehmen müsste, würde beispielsweise ein geeignetes Agens[4] für ein solches Unterfangen abgeben

Beim Vorbeiflug am Sonnensystem würde das außerirdische Wesen zuerst aufgrund eines gewaltigen Schwarms von unkontrolliert vor sich hin rasenden Artefakten um einen der kleineren Planeten von der Neugierde gepackt und dazu bewogen, sich dieses Kuriosum aus der Nähe anzusehen.

Sich in eine Erdnahe Umlaufbahn begeben, würde es allein anhand der aus herrenlos umherfliegenden Schrottteilen bestehenden und den Planeten Erde umhüllenden Müllwolke mit Schreck und Schauder Notiz davon nehmen, dass hier eine Weile (vorausgesetzt, dass das außerirdische Wesen mit dem womöglich spezifisch menschlichen Konzept der Zeit etwas anfangen kann), die, gemessen einerseits an dem Alter des Universums und andererseits an dem Alter des lokalen Lebens im Sonnensystem eine sehr aber sehr kurze Weile gewesen ist, eine deletäre[5] Spezies gelebt hat.

Sich durch die unzähligen – ursprünglich aus Spionage-, Kommunikations-, Beobachtungssatelliten, Raketenstufen, Weltraumwaffensystemen, Weltraumstationen, Weltraumteleskopen, Astronautenausrüstungen, Werkzeugen usw. stammenden – Schrottteilen navigierend, würde es sich vorsichtig der Erde nähern.

Es würde sehen, dass dieser Planet trotz der Allgegenwart von Spuren vergangener grausamer Misshandlung von Leben und Energie geradezu übersprudelt: eine über 550 Gigatonnen wiegende Biomasse mit einer Überfülle der Lebensformen. Es würde des Weiteren feststellen,

• dass dieser Planet seit über 4 Milliarden Jahren, d.h. bereits etwa 500 Millionen Jahren nach seiner Entstehung Leben hervorbrachte,
• dass die Spezies Mensch, der bis vor Kurzem, bis zu seiner Extinktion[6], der absolute Herr über den ganzen Planeten gewesen zu sein scheint, vor dem Hintergrund des geschichtlichen Verlaufs des planetaren Lebens nur einen extrem kurzen Augenblick, einen kaum wahrnehmbaren winzigen Punkt ausmacht,
• so dass, sollte es die Spuren seiner Vernichtung, die tiefen, teils verschorften, teils noch im Heilen begriffenen Wunden am gesamten Planeten, nicht geben, es unmöglich wäre, zu erkennen, dass die Spezies überhaupt existiert hat.
• dass die Spezies Mensch mit seinem unter 0,01% liegenden Anteil an der irdischen lebenden Biomasse vor seinem Aussterben nicht nur zeitlich, sondern auch physisch ein höchst unerhebliches Phänomen auf dem Planeten gewesen ist,
• dass diese ephemere Spezies, die die Natur mit Sprech- und Denkfähigkeit ausstattete, diese einzigartige Fähigkeit, und seine gesamten daraus resultierenden Geisteskräfte nicht, wie zu erwarten wäre, zur Förderung und Bereicherung des Lebens und zur Überwindung des Todes, sondern ganz im Gegenteil zur vorsätzlichen Zerstörung des Lebens auf dem Planeten einsetzte,
• und das mit feierlichem Gepränge geführte Kalendarium dieser Zerstörungshandlungen und die zeitindizierte Inventur der Erzeugnisse derer auf den Namen ‚Zivilisation‘ taufte,
• dass diese von der Spezies ‚Zivilisation‘ gennannte Zerstörungsfertigkeit und -technologie eine einzigartig zielstrebige Tatkraft und Effizienz an den Tag legte, so dass der Schaden, der von ihr zu ihren Lebzeiten – in der mikroskopisch kurzen Zeitspanne von etwas länger als 5 Millennia – dem Planeten und dem Leben auf ihm zugefügt wurde, extragalaktische Dimensionen aufwies.

Die intelligente Entität aus der Galaxie IC 1101 würde für das Leben auf dem Planeten – aber zugleich auch aus Sorge um die eigene biologische oder anderweitige Unversehrtheit – froh und erleichtert darüber sein, dass der Spuk vorbei ist.

Benennen und Töten: der Weg zum Menschen und zu seiner Zivilisation

Das Geheimnis hinter dem Umstand, dass der Homo Sapiens (der weise Mensch), das jüngste Mitglied der Gattung Homo, alle seine Artgenossen überlebt hat, und nun die einzige noch bestehende menschliche Spezies auf dem Planeten ist, ist in der spezifischen und höchst effektiven Art und Weise zu suchen, wie die Spezies mit ihrem natürlichen und künstlichen Umfeld umgeht: benennen und töten. Dabei machen das Erstere und das Letztere keine eigenständigen Entitäten aus, sondern sind organische Instanzen bzw. Subroutinen des gleichen Prozesses.

In diesem Zusammenhang muss verständnisunterstützend auf zwei Sachverhalte hingewiesen werden. Der Erste ist, dass aus noch unklaren Gründen der Homo Sapiens einen qualitativ besseren Umgang mit dem verbalen Zeichen als die anderen Menschenarten entwickelte. Der zweite ist, dass er und im kausalen Zusammenhang mit dem Ersten zur praktischen Erkenntnis gelangte, dass der Stein nicht nur zum Mahlen des Korns und Samens, sondern auch zum Einschlagen des Kopfes des Nachbarn gut war, und der Pflug mit seinem durch Eisenplatten verstärkter Spitze nicht nur zur Lockerung des Ackerbodens, sondern zum Zersplittern des Schädels eines Mitlebenden ideal war. Das war auch die letzte genuin revolutionäre Entdeckung / Erfindung des Homo Sapiens. Sie reichte aber aus, den geraden Weg zum modernen Menschen und zu seinem auf westlichen Werten fußenden demokratischen Rechtsstaat zu öffnen und zu ebnen. Der moderne Mensch brauchte und braucht nichts mehr.

Entsprechend nennen wir den ein und einzigen Organisationsmodus des Homo Sapiens „todgetriebene Phallokratie“. Alle historisch belegbaren Typen der humanen sozialen Organisation sind Spielarten der todgetriebenen Phallokratie. Was sich nachträglich menschliche Zivilisation nannte, also die altmesopotamischen Stadtstaaten, das altägyptische Reich, und die späteren Abkömmlinge derer wie der persische Satrapenbund, die altgriechische Demokratie, das Römerreich etc., ist die eintönige, gleichförmige Geschichte der todgetriebenen Phallokratien, deren Prunk und Prank sich aus dem endlosen Blut, zertrümmerten Knochen, verwesendem und verbranntem Fleisch der Sklaven speist.

Ohne die im Unsichtbaren wirkende und aus Sklavenkörpern Demokratie und Zivilisation herstellende Apparatur hätte sich Sokrates es nicht leisten können, seine Tage und Nächte mit süßem Xenophon, anmutigem Platon und seinen anderen zahllosen Schönlingen, den jungen Söhnen der reichen Sklavenhalter, in fröhlich intellektueller Geselligkeit zu verbringen.
Ebenso hätte Aristoteles, der Diener und Lehrmeister der angehenden Könige und Kriegstreiber, ohne seine Sklaven seine 130 oder so Traktaten nicht schreiben können, was wiederum – Gott bewahre! – das unsägliche Unheil zur Folge gehabt hätte, dass unsere westliche Zivilisation nicht mal die Chance gehabt hätte, überhaupt erst zum Keimen zu kommen. Denn die dazu unerlässliche Besamung hätte ohne die bahnbrechenden, zivilisationsgründenden Ideen und Erkenntnisse von Aristoteles nicht stattgefunden, die von der Physik (z.B. “Das Feuer ruft Hitze aber keine Kühlung hervor.”) über die Wirtschaft (z.B. “Von Besitztümern ist das beste und wertvollste der Mensch. Es ist daher notwendig, sich zuerst mit guten Sklaven zu versorgen.“), bis hin zur Soziologie (z.B. “Die Sklaven würden patzig, wenn der Herr sie nur fütterte, und keine Arbeit und Strafe gäbe.”) die gesamten den Seins- und Handlungsmodus regierenden Parameter der Spezies Mensch revolutionierten.

In dem Fluss der anthropogenen Begebnisse, dem die Menschheit mit ihrem spezifisch humanen Dünkel den Namen ‚Zivilisation‘ gab, gab es seit Göbeklitepe[7], d.h. seit etwa 12000 Jahren keine auch so geringfügige qualitative Änderung. In dem Modus, nach dem die Spezies Mensch mit ihrer sozialen und natürlichen Umwelt interagiert, hat sich seitdem nichts Entscheidendes geändert. Ontologisch[8] steht der intelligente Erdling nach wie vor dort, wo er in der neolithischen Periode gestanden hatte.

Diejenigen Gegebenheiten, die von modernen Wissenschaften nachträglich zu ‚sozialen Umwälzungen‘, zu den sogenannten ‚Meilensteinen der Zivilisationsgeschichte‘ deklariert werden, sind nichts Weiteres als quantitative Schwankungen des humanen Zerstörungskontinuums, die jeweils mit einer bestimmten quantitativen Verbesserung in der Tötungs- und Zerstörungstechnologie korrelieren. Folgerichtig genug basiert jede neu anmutende – somit auch einer höheren Position auf der Fortschrittsskala zugeordnete – Form der todgetriebenen Phallokratie maßgeblich auf einer präzise definierbaren Tötungs- und Zerstörungstechnik, die metonymisch[9] durch den Namen des für das jeweilige technologische Niveau typischen Artefakts gekennzeichnet werden könnte: Stein, Schwert, Reflexbogen, unbemannter ferngesteuerter Schlachtroboter etc.

Eine Kurzgeschichte der menschlichen Gegenwart

Auch die jüngste Spielart der todgetriebenen Phallokratie, der moderne kapitalistische Organisationsmodus, muss genauso wie alle seine Vorfahren ununterbrochen Leben verbrauchen um zu funktionieren. Denn die phallische Macht kann sich von nichts als dem Tod ernähren, wobei der Tod als Treibstoff / Triebkraft des soziopolitischen Machtaggregats in zwei Varianten vorkommt: entweder als faktischer Tod (FT) – das zur Gänze oder partiell getötete Leben – oder als potentialer Tod (PT), der angedrohte Tod. Tod in diesem Kontext übrigens hängt mit der ‚Tötbarkeit‘ der menschlichen Spezies – und nicht mit ihrer sogenannten ‚Sterblichkeit‘. Die Gesamtheit der sogenannten modernen westlichen Zivilisation wuchs und florierte auf dem Nährboden / Fundament des FTs. Die Nahgeschichten einzelner reicher Weltmächte dienen als besonders prägnante und somit pädagogisch opportune Schaufenster für diesen Umstand.

Einer der ausgeprägtesten Unterschiede zwischen den modernen zivilisierten Demokratien und den prä- und extrakapitalistischen Machtmechanismen ist, dass die Ersteren den faktischen Tod beinah vollständig extraterritorialisiert und die Zufuhr der zur Selbsterhaltung unabdingbaren FT-basierten Energie medialisiert haben, wohingegen die Letzteren hauptsächlich auf direkter Hervorbringung des FTs angewiesen sind. Die Mischtypen müssen aufgrund der hohen Unbeständigkeit beide Varianten (FT & PT) in großen Mengen bereitstellen.

Mit dem Ende des klassischen Kolonialismus verlagerten zwar die westlichen Machtzentren die FT-Produktion in den nicht-Westen, erzeugen und liefern aber die dazu erforderliche Technologie nach wie vor selber und sind erpicht darauf, dass die Herstellung dieser systemerhaltenden Technologie das Vorrecht des Westens bleibt.

Da der Planet Erde noch ein quasi-geschlossenes System ist, kann es kein Reichtum ohne Misere geben. Des Einen Luxus ist immer der Tod (Tod kann auch partiell, graduell etc. sein) des Anderen.

Die kapitalistische Moderne, die heutige Spielart der todgetriebenen Phallokratie, hat den Produktionsprozess (wir müssen uns jedes Mal dessen vergewissern, dass es unmissverständlich klar ist, dass für uns Produktion in Phallokratien stets zugleich Tötung / Vernichtung ist.) dermaßen revolutioniert (mechanisiert, rationalisiert, automatisiert, computerisiert, digitalisiert), dass sich das Produktions- und Konsumptionspendel (PKP) im gewissen Sinn verselbstständigt hat (‚im gewissen Sinn‘, denn es bleibt selbstverständlich von der energieliefernden Subroutine – Tötung & Vernichtung – abhängig).

Der moderne aufgeklärte Mensch des herrschenden Westens (der Westen ist, versteht sich, kein geographischer Begriff) ist der fortgeschrittenste Mensch der Zivilisationsgeschichte, die als die Geschichte der intelligenten, d.h. vorüberlegten, vorsätzlichen Vernichtung des Lebens paraphrasiert werden kann und soll.

Deswegen musste z.B. Auschwitz auf den modernen, aufgeklärten, gesitteten, wohlerzogenen, humanistisch gebildeten, weltoffenen, kultivierten, demokratisch gesinnten, ordnungsliebenden, frauenfreundlichen, umweltfreundlichen, etc. Menschen warten. Die prämodern / präkapitalistischen Versionen der menschlichen Spezies wären dazu nicht imstande gewesen. Sie hätten nicht mal auf die Idee kommen können, die dazu erforderliche humanistische Allgemeinbildung und die geistige Reife waren noch nicht gegeben.

Dieser moderne Mensch des herrschenden Westens ist nun mehr habituell so konfiguriert, dass er ohne das einförmige, beruhigend einlullende Hin- und Herklappern des besagten Pendels (PKP) nicht in der Lage ist zu funktionieren, wobei hier des Weiteren anzumerken ist, dass er keine aktive, verstehende Beziehung zur der Produktionsseite des Pendels hat. Er ist de facto halbiert, und gänzlich auf die Konsumptionskomponente reduziert. Er hat nun mehr keine Ahnung, wie die Dinge produziert werden, zustande kommen, auch wenn er mit Haut und Haar im Produktionsprozess drin ist. Er kann konsumieren, er muss konsumieren.

Die Verselbständigung des Pendels gekoppelt mit dem differential Humanen verwandelte den modernen Kapitalismus in ein subjektloses, selbsttätiges, weltumspannendes kybernetisches System (KS). Auch die sogenannten Machthaber, Großkapitalisten, Supermächte haben in der Tat kein Sagen mehr über den Gang der sublunaren Angelegenheiten. Der PKP-innervierte Kapitalismus hat sich bereits von den menschlichen Akteuren, seinen Schöpfern, befreit. Was nicht bedeuten soll, dass die Schöpfer, die modernen Menschen, die Leidtragenden oder gar die Opfer dieser Befreiung wären. Ganz im Gegenteil: sie sind die bewussten Träger dieses Prozesses bzw. Umstandes. Tagein tagaus sorgen sie mit ihrem Tun und Lassen für die Reproduktion, Wartung und Instandhaltung des befreiten, eigenlebigen Systems.

Dieses vom menschlichen und sonstigen Leben abgekoppelte reine Füreinander von der Produktion und Konsumption macht, wie es bei jeder echten reinen Liebe der Fall ist, die Liebenden für die Launen des Geliebten höchst empfindlich. Existenziell wird das Paar zu einem unteilbaren und äußerst delikaten Ganzen. Wie Isolde ohne Tristan nicht leben kann, so kann die Konsumption ein Leben ohne Produktion nicht lange aushalten oder vice versa.

Bei einer relativ schweren Arrhythmie – wie der aktuellen Corona-Pandemie – im taktgebenden PKP gerät das gesamte planetare kybernetische System (KS) ins Stottern. Wenn die Arrhythmie nicht relativ schnell (d.h. bevor das PKP zum absoluten Stillstand kommt) unter Kontrolle gebracht wird, bricht das KS zusammen.

Spätestens dann fängt der moderne zivilisierte Mensch großflächig damit an, was er am besten kann: töten. Das Töten ist in der Tat das Einzige, was er noch kann. Alle anderen nachträglich erworbenen Fähigkeiten wie Getreideanbau, Körnerzerreiben, Brotbacken, Trinkwassergewinnung, Nutztierhaltung, Erzabbau und -prozessierung, Heilpflanzenfindung, Wundenbehandlung, Ausschabung und Verfüllung der Zahnkaries etc. hat er entlang des gesellschaftlich- ökonomischen Fortschritts an die humanoide oder automatisierte Knecht- und Dienerschaft bzw. an das KS delegiert und restlos verlernt.

Wenn die Arrhythmie unkontrollierbare Dimensionen annähme, d.h. – im konkreten Kontext der Corona-Pandemie –, wenn die intensivmedizinischen Versorgungseinheiten knapp würden (was sie jetzt fast überall schon sind), und der Großteil der Infizierten nicht mehr behandelt werden könnte (was bereits jetzt in Italien und anderswo der Fall ist), und damit die Anzahl der Toten drastisch stiege, würden die Herrenmenschen schnell die Schuldtragenden, die „Infiltrate“ unter sich identifizieren und sich ans Werk machen. Wer will, kann schon hören, wie die Messer gewetzt und die Utensilien zurechtgelegt werden – für die Welt von Morgen.

Dann würden vielerorts die seit Jahrzehnten warm begrüßten Nachbarn und ihre Kinder sich plötzlich in Chinesen, Asiaten usw. verwandeln und aus sicherem Abstand von – nicht nur – älteren Ex-Nachbarinnen schräg angeguckt werden, wenn sie mal zum Luftschnappen vor das Haus oder in den Schulhof gehen würden. Diese Herrschaften würden sich selbstverständlich sicher sein, dass diese fledermausfressenden Chinesen die Pest aus ihren verseuchten Löchern in ihr sauberes Deutschland mitgeschleppt haben. Das wäre aber nichts Außerordentliches in Deutschland und anderswo. Im Gegenteil, es wäre das Basale[10], das sich nur steigern könnte. In diesem Zusammenhang würde es Sinn machen, ins Gedächtnis zu rufen, dass es jedes Mal zuerst die Nachbarn waren, die schnell aus dem Bambusrohr Lanzen gemacht haben, oder halt das vorhandene Werkzeug als Tötungsinstrument zweckentfremdet haben. Jedes Herrenvolk würde schnell damit anfangen, die ewigen Delinquenten unter sich als die eigentlichen Verantwortlichen der Epidemie zu prozessieren – wie so oft in der Geschichte. Die lokalen Ausführungen des Läuterungsprozesses werden jeweils mit unterschiedlichen Parametern aber nach der gleichen Blaupause erfolgen.

Was tun?

Die sogenannten Marxisten, Anarchisten und andere Kritiker und Feinde des Kapitalismus müssen nun hoffen und beten, dass das PKP nicht zum Stillstand komme, der Kapitalismus nicht zusammenbreche. Denn, sollte sich das PKP nicht wieder ins Lot bringen lassen, so würde der moderne, zivilisierte Mensch sein eigentliches – und nicht selten einziges – Können quasi zwanghaft für sich nutzbar machen.

Wir, die wir als Mitplanetenbewohner dazu verdammt sind, mit den Menschen zu koexistieren, indem wir noch dazu die Peinigung, von ihnen ohne unsere Billigung zu Artgenossen gezählt zu werden, unablässig über uns müssen ergehen lassen, orientieren uns in unseren unausweichlichen Interaktionen mit der Spezies Mensch nach einem einzigen Maßstab: Für uns ist nämlich der einzelne Mensch an seinem individuellen Beitrag zur menschlichen Zivilisation, d.h., an dem Grad des Schadens, den er durch sein vorsätzliches Tun und Lassen an einzelnen Anderen und am Leben auf dem Planeten insgesamt anrichtet, zu bemessen.

Es bleibt die dringende Frage zu klären, wie wir uns nicht nur gegen die Coronavirus-Pandemie, sondern und vor allem gegen das, was danach kommen wird wappnen sollten, und zwar ausschließlich praktisch, weil dann weder ideologische noch anderweitig theoretische Erklärungen relevant sein werden.

Hugo


[1] kurzlebig, flüchtig (Diese Begriffsklärungen in Form von Fußnoten sind als Lesehilfe für die genuin deutsche Leserschaft gedacht.)

[2] frei gestaltetes, einleitendes Musikstück; musikalisches Vorspiel im Gottesdienstgesang

[3] zerstörend

[4] handelnde Kraft

[5] tödlich, verderblich

[6] Auslöschung

[7] Prähistorischer Fundort in Nordkurdistan bzw. Nordmesopotamien (seit Ende des ersten Weltkriegs Teil des türkischen Staatsterritoriums)

[8] Seinslehre

[9] Bedeutungsvertauschung, Gebrauch eines Wortes für einen verwandten Begriff

[10] fundamental; an der Grundfläche gelegen

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